Was man nicht benennen kann, spürt man
Es gibt Stücke, die man ein zweites Mal sieht, weil man das erste Mal noch nicht fertig war damit. Ein zweiter Besuch bei einer grandiosen Inszenierung des Klassikers.
Die Zauberflöte von Nils Strunk und Lukas Schrenk läuft seit Jahren am Burgtheater, immer ausverkauft, immer dieselbe Unruhe im Saal, jene besondere Art von Aufmerksamkeit, die entsteht, wenn Menschen spüren, dass sie gleich etwas geschenkt bekommen. Strunk und Schrenk nennen es The Opera But Not The Opera, und das stimmt: Es ist eine Oper, die sich aus der Oper herausgestohlen hat und draußen auf der Straße steht und grinst.
Eminem, Falco, Star Wars, Chartsongs aus den Nullerjahren, lateinamerikanische Rhythmen — Mozarts Motive fließen durch Strunks Kompositionen wie Wasser durch fremde Gefäße und behalten ihre Form. Das ist das Erstaunliche: Je weiter sich der Abend von der Partitur entfernt, desto deutlicher hört man, was in ihr steckt. Liebe, Mut, die Angst davor, beides gleichzeitig zu sein.
Sechs Darsteller, elf Figuren, ein Ensemble
Was Gunther Eckes, Tim Werths, Lilith Häßle, Katharina Pichler, Annamária Láng und Wolfram Rupperti hier leisten, ist die stille Wunderleistung des Abends. Sechs Schauspieler, alle am Burgtheater ausgebildet oder gereift, keiner von ihnen Opernsänger — und das ist kein Mangel, das ist die Entscheidung. Sie singen nicht, um zu singen, sondern weil ihre Figuren es brauchen, weil Strunk ihnen Melodien in den Körper geschrieben hat, die sich anfühlen wie eine zweite Haut. Katharina Pichler als Königin der Nacht, die die Koloraturen nicht trifft sondern umkreist, macht daraus ein stilles Meisterstück: Eine Aussage über Macht, die sich selbst nicht ganz traut.
Die einzige Stelle, an der der Abend atmet statt strömt, sind die Übergänge zwischen den Szenen. Wo in der Schachnovelle oder bei Ludwig XIX. eine einzelne Person die gesamte Dramaturgie im Körper trägt und Brücken durch bloße Anwesenheit baut, müssen hier sechs Menschen gleichzeitig dieselbe Richtung finden. Manchmal, nicht oft, spürt man das Gewicht dieser Aufgabe und ist überrumpelt.
Das Theater, das sich selbst beim Spielen zusieht
Strunks Musik trägt den Abend, ohne ihn zu erklären. Sie hält inne, wo andere Inszenierungen reden würden, und spricht, wo andere schweigen. Das ist Können, das man nicht hört, solange es funktioniert. Was auf der Bühne passiert, gehört uns allen, und was wir mitbringen, gehört dem Stück. Das Bühnenbild von Maximilian Lindner hält dieses Versprechen ein: schlank, klar, die Aufzüge ohne Aufwand getrennt, das Wenige nie als Armut, immer als Entscheidung.
Irgendwo in der Mitte des Abends, wenn Sarastro die Ordnung der Dinge erklärt, fällt eine Formulierung, die Schikaneder so 1791 hingeschrieben hat und die Strunk und Schrenk nicht unverändert stehen lassen wollen: “Und ein stolzes Weib! Ein Mann muß eure Herzen leiten.” Als passende Antwort darauf kommentiert Lilith Häßle schnaufend: “Hat er nicht wirklich gesagt, oder?” Das Publikum lacht und reflektiert gleichzeitig. Das ist das Kunststück dieser Inszenierung: Sie kommentiert und spricht doch für sich selbst in ihrer Einzigartigkeit.
Und dann ist es vorbei, und das Burgtheater gibt Standing Ovations. Strunk und Schrenk haben Mozart nicht zugänglich gemacht. Sie haben gezeigt, dass er es immer schon war, und dass es nur jemanden braucht, der nicht so tut als wäre er es nicht. Man würde es sich noch ein drittes Mal ansehen, ohne zu zögern.
★★★★
Die Zauberflöte — The Opera But Not The Opera Burgtheater Wien, 4. April 2026 Regie & Musik: Nils Strunk · Text: Lukas Schrenk · Bühnenbild: Maximilian Lindner · Mit Gunther Eckes, Tim Werths, Lilith Häßle, Katharina Pichler, Annamária Láng, Wolfram Rupperti Bild: Marcela Cruz