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Wir werden alle permanent schuldig, willentlich oder unwillentlich — so hat Haneke selbst über Caché gesprochen. Sein Film von 2005 erzählt von Georges Laurent, einem wohlsituierten Pariser Kulturjournalisten, dem anonym Videokassetten ins Haus geschickt werden, bis das Verdrängte aus dem Fundament seines Lebens bricht: Als Kind hat er gelogen, um den kleinen Majid aus dem Haus zu treiben — einen algerischen Waisenjungen, dessen Eltern beim Polizeimassaker vom 17. Oktober 1961 in der Seine ertränkt worden waren. Frankreich hat dieses Massaker an über 200 Algeriern jahrzehntelang offiziell nicht anerkannt. Haneke hat das nicht als historisches Sujet genommen, sondern als Röntgenbild einer Zivilisation, die ihre Schuld durchschläft. Felicitas Brucker hat diesen Stoff nun ans Volkstheater Wien gebracht — als Uraufführung, denn Haneke gibt seine Werke für die Bühne so gut wie nie frei. Eine Premiere für Wien.

Was der Film nicht kann

Caché ist als Film kühl bis zur Kälte. Daniel Auteuil spielt Georges mit jener verschlossenen Selbstgefälligkeit, die Haneke an ihm schätzte — aber Juliette Binoche als Anne bleibt im Film oft flach, gereizt, eindimensional. Genau hier liegt das Argument für die Bühne. Johanna Wokalek spielt Anne mit einer Wärme und Tiefe, die den Weg in die Zerrüttung als Prozess sichtbar macht, nicht als Zustand. Sebastian Rudolph durchläuft alle Facetten von Georges — Überheblichkeit, Scheu, nacktes Entsetzen — ohne dass eine Facette die andere verdrängt. Bernardo Arias Porras spielt Majid und mehrere andere Figuren so präzise ausdifferenziert, dass man vergisst, wie wenige Menschen auf der Bühne stehen. Was der Film als kühle Distanz inszeniert, spielen diese drei als körperliche Eruption: die Rage, der Wahnsinn, der ausbricht, wenn ein Haus aufhört, sicher zu sein, steigert sich mit jedem Akt.

Das Volkstheater zeigt mit dieser Besetzung, dass es wieder fähig ist, einige der besten deutschsprachigen Schauspielerinnen und Schauspieler zu holen. Das ist keine Selbstverständlichkeit, und es ist keine Kleinigkeit.

Ein Raum zur Mahnung

Felicitas Brucker und Bühnenbildnerin Viva Schudt haben einen Raum entworfen, in dem Beobachtung selbst zur ästhetischen Erfahrung wird. Eine türkis-mintfarbene Wohnlandschaft, überall Bildschirme mit Live-Video, die Grenze zwischen Bühne und Übertragung von Minute zu Minute poröser. Die Drehbühne wird klug eingesetzt: wenig Umbau, klare Räume, die Orte wechseln durch Licht und Kamerawinkel statt durch Kulissenwechsel. Das ist handwerklich souverän gelöst.

Und dann fallen die Kassetten — immer wenn ein neuer Brief auftaucht, ein neues Video, ein neuer Beweis. Dieser dumpfe Aufprall, und der Saal zuckt zusammen. Ein simples Mittel, das jedes Mal funktioniert, weil es nicht dekorativ ist, sondern strukturell: Die Überwachung bricht physisch in den Raum ein.

Was bleibt, ist das Unbehagen — und die Erkenntnis, dass es berechtigt ist. Mikrorassismus, koloniale Schuld, die Lügen, auf denen bürgerliche Existenzen gebaut sind: Das sind keine historischen Themen. Sie sitzen im Fundament. Brucker macht das spürbar, ohne es auszustellen.

Ein Abend, der sich nicht angenehm anfühlt. Der genau deshalb notwendig ist.


★★★★

Caché nach Michael Haneke Volkstheater Wien, 16. November 2025 Regie: Felicitas Brucker · Bühne & Kostüme: Viva Schudt · Mit Johanna Wokalek, Sebastian Rudolph, Bernardo Arias Porras, Moritz Grossmann Bild: Volkstheater Wien // Marcela Cruz

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