← Alle Essays Weil ich nicht aushalte, wenn wer weint wie du weinst

Romantiker, Rowdy, Wrack

Es gibt Stücke, die man entweder liebt oder meidet, und selten etwas dazwischen. Ferenc Molnárs Liliom, 1909 uraufgeführt und seither kaum leichter geworden, gehört dazu. Ein Karussell-Ausrufer aus Budapest, Schläger, Verführer, Versager, der an sich selbst scheitert und nicht an der Welt — das ist kein Held, auf den man sich gerne einlässt. Philipp Stölzl hat ihn trotzdem ins Burgtheater geholt, auf eine hügelige Gstätten irgendwo zwischen Rummelplatz und Plattenbau, und die Frage war von Anfang an berechtigt: Trägt das?

Es trägt. Nicht immer mühelos, nicht für jeden — aber es trägt.

Die Entscheidung, die den Abend steuert

Die mutigste und diskutierteste Entscheidung des Abends ist bekannt: Stefanie Reinsperger spielt Liliom. Eine Frau in einer durch und durch männlichen Figur, brutal-fragil, raumgreifend, manchmal manisch. Man denkt darüber nach — etwa zwei Sekunden lang, dann vergisst man es. Reinsperger bewohnt diese Rolle so vollständig, dass die Frage nach dem Geschlecht zur akademischen Fußnote wird. Ihr Liliom schwankt zwischen Zärtlichkeit und Kontrollverlust, zwischen dem Jungen der nie aufgehört hat zu träumen und dem Mann, der nie gelernt hat, damit umzugehen.

Man könnte sich vorstellen, einen offensichtlicheren Trunkenbold zu besetzen — einen Nicolas Ofczarek etwa, der diese Rohheit mit roher Körperlichkeit füllen würde. Es wäre ein anderer Abend. Vielleicht ein einfacherer. Reinspergers Interpretation ist die schwierigere, und vielleicht auch die interessantere.

Was das Ensemble trägt und was die Regie löst

Neben Reinsperger ist Maresi Riegner als Julie das zweite Ereignis des Abends. Beide entleiben sich wortwörtlich auf der Bühne — manchmal einen Tick zu viel, die Intensität übersteuert an einzelnen Stellen. Aber genau durch diese Wucht transportieren sie, was das Stück eigentlich ist: Keine Liebesgeschichte, sondern ein Psychogramm der Verzweiflung. Die beiden Protagonisten entladen sich dabei immer wieder: Julie muss einstecken, wenn Liliom es wieder nicht aushält “wenn wer weint, wie du weinst”, nur um danach Liliom zu trösten, der sich selbst für die Konsequenzen der Gewalt hasst — die Grunddramatik der Beziehung der beiden.

Dass dabei wenig Bühnenumbau nötig war, das Geschehen aber trotzdem stets klar und verständlich blieb, ist Stölzls stille Leistung. Die hügelige Gstätten, die Lichter im Hintergrund, das gelegentliche Wohnmobil — mehr braucht es nicht, und das ist eine Entscheidung, die Vertrauen in den Text signalisiert. Die Kostüme — 80er-Jahre-Schulterpolster, Föhnfrisuren — geben dem Abend eine zeitliche Entrücktheit, die gut zum Märchenhaften des Stoffs passt.

Was sich einschreibt, ist kein einzelner Moment, sondern ein Körpergefühl: Dieser Mann, der nicht aufhören kann zu scheitern, weil er nicht weiß, wie Aufhören geht. Reinsperger macht das sichtbar, nicht durch Erklärung, sondern durch Anwesenheit.

Ein Stück, das manche mögen werden und andere nicht — das ist kein Makel, sondern Merkmal. Wer bereit ist, sich auf einen Abend einzulassen, der keine einfachen Antworten gibt, findet hier einen der stärkeren Abende dieser spannenden Spielzeit.


★★★★

Liliom von Ferenc Molnár Burgtheater Wien, 27. November 2025 Regie & Bühne: Philipp Stölzl · Mit Stefanie Reinsperger, Maresi Riegner, Franziska Hackl und anderen · Neuübersetzung: Terézia Mora Bild: Burgtheater // Tommy Hetzel

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